Eindämmung / Ausrottung der Neuropathie beim Leonberger
von Prof. L. Poncelet, DMV, DScV, DECVN Freie Universität
Brüssel
(Sommer 2003, anlässlich der Züchterversammlung
des begischen Leonbergerclubs)
Wenn
ein Hundebesitzer einen Tierarzt aufsucht wegen eines gesundheitlichen
Problems, erwartet er von diesem, dass er eine Diagnose stellt,
eine Prognose und eine Behandlung vornimmt. Ein Züchter
macht sich jedoch genausoviele Gedanken um den Wert seiner Linie
wie um die Gesundheit derselben und der Tiere seiner Zucht.
Die Möglichkeit einer genetischen Herkunft eines Gesundheitsproblems
ist von besonderer Wichtigkeit.
Es
ist mittlerweile klar geworden, dass es eine neurodenerative
Krankheit bei den Leonbergern gibt, die vererbbar ist. Angesichts
einer neuen Krankheit müssen 5 aufeinanderfolgende Etappen
ins Auge gefasst werden:
1.
Das Bestehen eines Problems einordnen oder identifizieren
2. charakterisieren des Problem
3. seine genetische Herkunft und den Vererbungsmodus bestimmen
4. ein Programm für die Bekämpfung und Eindämmung
ausarbeiten
5. die Krankheit ausrotten
Zur Zeit ist man bei den ersten drei Punkten fortgeschritten,
noch bleibt eine beachtliche Arbeit zu tun. Der Bericht heute
zielt auf den Stand des Fortschrittes bei den 3 Punkten ab und
zieht in Betracht, wie man die beiden letzten Punkte in Angriff
nehmen kann, vielleicht die beiden wichtigsten aus unserer Sicht.
Das Vorhaben ist weit davon entfernt, leicht zu sein und es
muss seine Anforderungen hervorheben. Drei Voraussetzungen sind
nötig
1.
Die Beweggründe
2. die Zusammenarbeit
3. Glück
Die
Beweggründe könnten aus dem Interesse bei den Tierärzten
und dem Wunsch zur Perfektion der Rasse bei den Züchtern
kommen. Eine harmonische Zusammenarbeit zwischen den Züchtern,
den Hundebesitzern, den behandelnden Tierärzten und den
Forscherteams muss sich einstellen, um die notwendigen Nachforschungen
durchführen zu können. Jeder der verschiedenen Bereiche
und die Beteiligten hat seine Priorität und auch ihre Grenzen.
Verständnis und ein fester Wille sind bei jedem unerlässlich.
Schließlich ist es das Glück, dass alle diese Personen
zusammen führt und alle diese Umstände am selben Ort
und zum gleichen Augenblick. Es muss die offene und positive
Einstellung von Mme Dewamme betont werden, Präsidentin
des Belgischen Leonberger Clubs.
Die ausgezeichnet Mitarbeit der Doktoren Degallaix et Lefevre,
und die Rolle von Prof. Diane Shelton , welche die internationale
Zusammenarbeit auf die Beine gestellt haben.
Ein
bestehendes Problem identifizieren
Vor
einigen Jahren wurden 3 Leonberger Rüden untersucht aufgrund
von Schmerzen in den Hinterläufen und bei einem wegen anormaler
Atemgeräuschen. Die Untersuchung ergab, daß es sich
um eine Störung im zentralen Nervensystem handelt, wobei
es interessant war, daß es sich um die motorischen Nervenfasern
handelt, den längsten im Körper. Eine vergleichbare,
abgeschwächtere Form, konnte man auch bei anderen Rassen
feststellen. Es betrifft nicht nur die Akte/Rasse dieser Hunde.
Das ein genetischer Fall vorliegt, wurde nicht allein durch
die Akte der oben genannten Hunde belegt sondern erst zusammen
mit anderen Fällen aus Kanada und Amerika. Seit den ersten
untersuchten Tieren in Belgien wurden dort bis heute 5 weitere
Fälle nachgewiesen.
Nachträglich
wurden 3 andere Leonberger (Rüden und Hündinnen) wurden
wegen Störungen im Nervensystem untersucht. Die klinischen
Untersuchungen ergaben hierfür einen eindeutigen Ursprung
im Rückenmark und nicht im zentralen Nervensystem. Bei
einem zeigten die Symptome einen degenerativen Symptomenkomplex,
wie sie bei den Rottweilern vorkommt, die Leucomyelopathie;
aber dies wurde nicht manifestiert. Ein anderer zeigte ein Auftreten
der Degeneration des Rückenmarks, verursacht durch einen
Parasiten, dem Neospora canis, der das Nervensystem bei Hunden
schädigt. Nachgewiesen durch histologische und pathologische
Beweise. Der 3. Hund, ein Bruder des vorherigen, zeigte serologische
Auffälligkeiten durch den gleichen Parasiten, aber er bestand
die histopathologische Untersuchung nicht. Ziel ist es, diese
ursprünglichen Störungen des Nervensystems bei Leonbergern
in beiden Geschlechtern schon in einem frühen Alter zu
erkennen. Ich habe nicht viel Informationen, aber es scheint
so, daß wir uns in diesen Fällen , mit der Geschlechterverteilung
und dem Alter beschäftigen müssen. Man hat keine Anhaltspunkte
um diese Fälle mit denen im Erwachsenenalter zusammenzufassen.
Symptomenkomplex
Es
liegt auf der Hand, daß das Nervensystem bei Leonbergern,
sowie auch bei anderen Rassen, sich gegen die Angreifer wie
z.B. Neospora oder anderen endogenen bzw. exogenen Erregern,
sich erfolgreich zur Wehr setzen kann. Ein Leonberger kann ebenso
wie andere Rassen auch unter seltenen neurodegenerativen Problemen
leiden, wobei man den jeweiligen, unterschiedlichen Symptomenkomplex
der jeweiligen Rasse mit einbeziehen muß.
Beobachtet
werden muß, wenn ein Schmerz beim Gehen auftritt, was
realtiv häufig bei männlichen Leonbergern zwischen
2 und 3 Jahren auftritt. Der Schmerz zeichnet sich durch eine
Veränderung beim Gehen aus, speziell im unteren Teil der
Hinterhand. Beobachten kann man auch anormale Geräusche
bei der Atmung. Die Muskelmasse des betroffenes Beines verringert
sich und die entsprechenden Reflexe sind nur noch leicht da
oder fehlen ganz. Der Gegenhalt bei starken Bewegungen des Fußes
ist herabgesetzt.
Die
elektromyographischen Untersuchungen zeigten, daß die
Muskeln im unteren Bereich des Beines und des Kehlkopfes ihre
motorischen Nervenfasern verloren haben. Diese Untersuchungen
legen oft nahe, daß mehr Nervenfasern abgebaut werden,
als die Sehnenscheiden. Durch einen chirurgischen Eingriff,
bei dem ein kleines Stück Nerv entnommen wird, der anschließenden
Untersuchung unter dem Mikroskop, dementiert diesen Nervenverlust
und die Veränderungen der Sehnenscheiden.
Es
gibt viel Arbeit um diesen Symptomenkomplex besser charakterisieren
zu können. Warum degenerieren sich die Nerven?
Dieser
Symptomenkomplex existiert und darf nicht vernachlässigt
werden. Die betroffenen Hunde haben eine kurze Lebenserwartung,
sprich ein quälendes Altern vor sich: von 21 untersuchten
Hunden, die betroffen waren, sind nur noch 8 am Leben und in
Behandlung. 9 hatten einen chirurgischen Eingriff am Kehlkopf
um sie am Leben zu erhalten, 11 sind an einer Lungenentzündung
gestorben, wurden eingeschläfert oder haben ihr Augenlicht
verloren, bei zweien ist es zu einer Quadriplegie ( Lähmung
aller 4 Beine ) ausgeartet.
Bestimmung
der genetischen Art und Vererbung
Wenn
ein Symptomenkomplex häufiger bei einer Rasse und in der
gleichen Familie/Linie auftritt und durch Untersuchungen ausgeschlossen
werden kann, daß die Ursachen nicht von anderswoher kommen,
wird eine genetische Erkrankung sehr wahrscheinlich. Der Verdacht
wird noch manifestierter, wenn die Stammbäume gemeinsame
Vorfahren zeigen. Wenn man Informationen über den Zustand
der kompletten Familie/Linie hat, kann man statistisch gesehen,
die Hypothese einer genetischen Übertragung aufstellen.
So ist es erfolgt bei der Neuropathie beim Leonberger. Mit hoher
Wahrscheinlichkeit ist hierfür ein rezessives, geschlechtsgebundenes
Gen verantwortlich.
Der Verkäufer haftet also im Sinne des Gesetzes, wenn die
oben genannten Punkte zutreffen.
Ausarbeitung
eines Plans um die Krankheit auszurotten
In
der Vergangenheit wurden banale wie auch extreme Maßnahmen
ergriffen, um eine Erbkrankheit auszurotten; wie nicht mehr
die gleiche Hündin vom gleichen Rüden decken zu lassen,
bis dahin, daß all die Hunde aus dieser Abstammung sich
nicht mehr fortpflanzen dürfen. Dieser letzte Aspekt muß
aufhören, da es somit zu einer kompletten Vernichtung der
Zuchtlinie kommt und auf längere Sicht gesehen zu einer
Vernichtung der genetischen Mannigfaltigkeit, welches am Ende
die Ausrottung der gesamten Rasse bedeutet. Man muß also
ein klares Ziel haben, welches da wäre: Die Kontrolle der
Verbreitung des Gens innerhalb der Zuchtlinie, aber ohne die
genetische Vielfalt zu dezimieren.
Der
Preis für diese Entscheidung basiert auf 3 Punkten
-
die Größe der Zuchtlinie
- die Häufigkeit des Gens
- die Art der Übertragung des Gens
Wenn
die Anzahl der Träger des Defektgens gering ist, ist es
durchaus denkbar, die Auflagen etwas zu lockern. Das Gleiche,
wenn sich das Gen weit ausbreitet, eine strengere Haltung kann
nicht erreicht werden. Wenn es innerhalb einer Linie zu nicht
berechneten Verpaarungen kommt, kann man das Erscheinen eines
Gens berechnen, was wiederum unmöglich ist, wenn Kreuzungen
kalkuliert werden. Die Neuropathie bei den Leonbergern ist in
den 80iger Jahren angestiegen. Das Herausfinden, wie die Krankheit
übertragen wird ist sehr wichtig um weitere Maßnahmen
ergreifen zu können.
Nimmt
man an, daß das Gen dominant vererbt wird und es kommt
zu einer Verpaarungen zwischen einem gesunden Tier und einem
Tier, das dieses Gen in sich trägt, werden 50% der Nachkommen
krank sein. Es reicht aus, das erkrankte Elterntier gegen eines
seiner gesunden Nachkommen auszutauschen um die Zuchtlinie erhalten
zu können. Es wird allerdings kompliziert, wenn das Gen
eine unvollständige Penetranz hat, d.h. das bekannte Krankheitsbild
kann sich in ein unauffälliges Krankheitsbild ändern,
abhängig von den internen bzw. externen Einflüssen.
Tests zur Erkennung von Anomalien bei scheinbar gesunden Individuen,
kann die Effizienz der Selektion heraufsetzten.
Ein
andere Problem ist das Auftreten der Krankheit nach dem Deckalter.
Neue Früherkennungstests können Anomalien aufdecken,
bevor sie sichtbar werden, durch einfache Beobachtungen können
sie Schlimmeres verhindern.
Im
Fall eines rezessiven Gens, kann der Überträger 2
Versionen des normalen Gens in sich tragen oder ein normales
Gen und ein defektes. Im letzteren Fall spricht man von dem
Genträger/Überträger. Wenn ein gesunder Hund
mit einem Trägerhund verpaart wird, so werden 50% der Nachkommen
Träger sein. Selbst wenn alle Nachkommen gesund erscheinen,
verbreitet sich das Gen. Wenn 2 Träger verpaart werden,
werden 25% der Nachkommen das Krankheitsbild zeigen und 50%
sind Träger. Hier hängt es jedoch davon ab, ob man
die Träger zuverlässig herausfinden kann oder nicht.
Wenn das Testergebnis einen Träger identifizieren kann
und man ein dominantes Gen in Betracht zieht und die Ausbreitung
dieses Gens kontrolliert, kann seine Vernichtung recht schnell
erfolgen. Die Träger, die dann nur mit gesunden Hunden
gekreuzt werden, bringen Nachkommen hervor die unauffällig
sind. Man ersetzt dann die Eltern, die das Gen in sich tragen
durch ihre gesunden Nachkommen und es wird dann so sein, daß
dieses kranke Gen sehr schnell innerhalb der Linie dezimiert
wird, ohne die Zuchtlinie zu verlieren. Liegt kein Test zur
Bestimmung der Träger vor, wird es schon schwieriger. Das
Ziel ist es potenzielle Träger gegen solche auszutauschen,
wo das Risiko vermindert ist, daß sie das Gen in sich
tragen. Die Grundlage hierfür ist, diese Tests standardmäßig
durchführen zu lassen und die Ergebnisse publik zu machen.
Wird dies nicht gemacht, kommt es unweigerlich zum Verlust der
Linie.
Wenn
man von der Hypothese ausgeht, daß ein rezessives, geschlechtsgebundenes
Gen für die Neuropathie beim Leonberger veantwortlich ist,
gibt es einige Fragen mit dem Ziel eine Chance zu haben, diesen
Gendefekt auszumerzen, ohne die genetische Vielfalt innerhalb
der Rasse zu zerstören. Die speziellen, kritischen Merkmale
der Penetranz, des Alters und der Trächtigkeit, werfen
wieder die Frage auf nach noch genaueren und spezifischeren
Tests.
Kommen
wir nun auf die Rüden zu sprechen. Da sie nur eine Kopie
des Gens haben, werden alle Träger dieses Gens die Krankheit
aufweisen. Für sie wird die Situation auch einfacher, als
wenn das Gen dominant wäre. In einer Reihe von 21 Hunden
wurden 19 in einem Alter von 3 Jahren oder weniger als anormal
eingestuft. Aber wenn man eine Zuchtlinie, von 9 Familien, bestehend
aus 12 Hunden nimmt, so konnte man feststellen, daß zumindest
einige Rüden nicht genug beobachtet wurden. Bei einem hervorragendem
Zuchtrüden wurde solange gewartet bis er mit 9 Jahren untersucht
wurde. Ein noch genauerer Test bei den Rüden, würde
diese Situation verbessern. Bei den Hündinnen, welche 2
Kopien dieses Gens haben, steht man sich der Herausforderung
gegenüber die Trägerin herauszufinden. Die Situation
ähnelt der, bei der das Gen rezessiv ist. Ein Test kann
die Träger ausfindig machen, auch wenn sie keine äußeren,
sichtbaren Anzeichen haben und kann somit dazu beitragen, daß
dies nicht weiter vererbt wird.
Bei 5 durch Elektromyographie untersuchten Hunden, wo die Veränderungen
nicht so dramatish waren, wurden enorme Veränderungen festgestellt.
Die elektromyographische Untersuchung, die in den USA an anormalen
Hunden durchgeführt wurde, zeigt die hohe Sensibilität.
Die elektromyographische Untersuchung demonstriert und manifestiert,
daß eine Veränderung der Nerven eintritt und beendet
somit die Diskussion über das Voranschreiten der Muskeldezimierung
und der Reflexe. Es stellt sich die Frage, ob diese Untersuchung
nicht auch die zu erwartenden kranken Rüden, aber augenscheinlichen
gesunden Rüden (inkomplette Penetranz) oder noch zu junge
Hunde (spätes Auftreten der Krankheitszeichen) identifizieren
kann. Man stellt sich ebenfalls die Frage, ob dieser Test nicht
auch die Hündinnen identifizieren kann, die das Gen in
sich tragen. Was wir wissen, ist , daß eine neurodegenerative
Erkrankung beim Menschen, im klinischen Aspekt gesehen etwa
gleich, ausgelöst wird und übertragen wird durch ein
geschlechtsgebundenes Gen, wo hierbei die Elektromyographie
die weiblichen Träger feststellen kann. Bei einigen Leonbergern,
wo die Vorfahren keine sichtbaren Anomalien aufwiesen, kann
diese Untersuchung sie von den Gesunden trennen.
Eine
1. Bilanz
Wir
können einen objektiven Test an alle Hundebesitzer ausgeben,
die Zweifel daran haben ob ihr Hund gesund ist. Die Elektromyographie
deckt die Anomalien auf und kann so den Krankheitszustand belegen.
Mit dem heutigen Wissen, kann man aber nichts über den
späteren Gesundheitszustandes des Hundes sagen, wenn das
Testergebnis negativ war.
Perspektive
Man
kann die elektromyograohische Untersuchung als einen vorrausschauenden
Test für die Hündinnen vorschlagen. Eine Studie kann
schnell durchgeführt werden. Sie basiert auf einer freiwilligen
Mitarbeit der Züchter, wobei der Datenschutz gewährleistet
wird. Das Vorgehen müßte dann noch genauer besprochen
werden. Ein Plan für eine genauere Untersuchung für
einen Früherkennungstest bei Rüden, benötigt
noch mehr Zeit. Auch hier muß die Vorgehensweise noch
ausdiskutiert werden.